Keine Zahlung trotz Berufsverbot: Nur jeder zweite BU-Vertrag hat Infektionsklausel

Zuletzt aktualisiert am 15.10.2018

Erreger Berufsunfähigkeitsversicherung,

Bei der Berufsunfähigkeitsversicherung gibt es Nachbesserungsbedarf. Denn obwohl viele Menschen in Berufen arbeiten, bei denen im Fall einer gefährlichen Infektion ein Berufsverbot droht, beinhaltet nur jeder zweite BU-Vertrag eine Infektionsklausel. Das ergab eine Untersuchung im Auftrag der uniVersa-Versicherung. Während es für Ärzte und Mediziner oft eine Absicherung für den Fall eines infektionsbedingten Berufsverbots gibt, gehen andere Berufsgruppen leer aus – trotz vergleichbarer Risiken.

Häufig nur für Ärzte und Mediziner

Um die Verbreitung der Infektionsklausel in BU-Verträgen zu untersuchen, hat das Versicherungsunternehmen uniVersa das Institut für Finanz-Markt-Analyse GmbH (Infinma) mit der Analyse des Marktes für Berufsunfähigkeitsversicherungen beauftragt (zur Pressemitteilung). Die Untersuchung hat ergeben, dass es eine Infektionsklausel in bestehenden BU-Verträgen in vielen Fällen nur für Ärzte und Mediziner gibt, andere Berufsgruppen aber ausgeschlossen sind, die im Fall einer Infektion in gleicher Weise von einem Berufsverbot bedroht sind.

Bei Infektionen droht Berufsverbot

In zahlreichen Berufen kann eine Infektion dazu führen, dass der Infizierte seinen Beruf nicht mehr weiter ausüben darf, um andere Menschen zu schützen. Das ist gesetzlich im Paragraphen 31 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) geregelt. Betroffen sind vor allem Arbeitsbereiche, in denen ein erhöhtes Übertragungsrisiko besteht. Ärzte, Zahnärzte, Ergo- und Physiotherapeuten, Tierärzte, Landwirte, Beschäftigte in Krankenhäusern und Arztpraxen, in Kindergärten, Metzgereien und Bäckereien oder in der Gastronomie haben ein solches Berufsrisiko. Infektionen bedeuten also nicht nur für Ärzte und Mediziner das berufliche Aus. Dieser Umstand wird in der BU-Vertragslandschaft zu wenig berücksichtigt (zu den Klauseln und Regelungen in BU-Verträgen).

Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz – IfSG)

§ 31 Berufliches Tätigkeitsverbot
„Die zuständige Behörde kann Kranken, Krankheitsverdächtigen, Ansteckungsverdächtigen und Ausscheidern die Ausübung bestimmter beruflicher Tätigkeiten ganz oder teilweise untersagen. Satz 1 gilt auch für sonstige Personen, die Krankheitserreger so in oder an sich tragen, dass im Einzelfall die Gefahr einer Weiterverbreitung besteht.“ (Link zum Gesetz)

Ohne Infektionsklausel kein Geld

Damit eine Berufsunfähigkeitsversicherung auch dann leistet, wenn ein Versicherter aufgrund einer gefährlichen Ansteckung ein Berufsverbot erhält, haben die BU-Versicherer vor allem für ärztliche Berufsfelder die sogenannte Infektionsklausel eingeführt. Die sieht Leistungen auch für den Fall vor, wenn ein gesetzliches Berufsverbot verhängt wird.

Umgekehrt heißt das aber auch: Sieht ein Vertrag die Absicherung der Berufsunfähigkeit für den Fall eines Berufsverbots aufgrund von Infektion nicht vor, muss der BU-Versicherte mit einer Leistungsablehnung rechnen und gerät in finanzielle Schwierigkeiten, vor denen eine BU-Absicherung ihn ja eigentlich schützen soll. Er kann nicht weiter in seinem Beruf arbeiten, erhält aber auch keine BU-Leistungen von der Versicherung. Beispielsweise dann, wenn eine HIV-Ansteckung vorliegt, die Krankheit aber noch nicht ausgebrochen ist.

Berufsunfähigkeit: alles eine Frage der Definition

Nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) sind viele Infektionskrankheiten meldepflichtig. Für manche Berufsgruppen, in denen eine besonders große Gefahr besteht, die Erreger auf andere Personen zu übertragen, kann eine Infektion zu einem Tätigkeitsverbot führen. Steht die Infektionsklausel dann nicht im Vertrag für die Berufsunfähigkeitsversicherung, ist der Betroffene in vielen Fällen laut Vertragsbedingungen weiterhin theoretisch in der Lage, seinen Beruf auszuüben, obwohl ihm das de facto aufgrund des gesetzlichen Berufsverbots gar nicht möglich ist. In dieser Situation stehen die Betroffenen ohne Schutz da – trotz BU-Absicherung. Berufsunfähigkeit ist also eine Frage der Definition, die im Versicherungsvertrag festgeschrieben ist.

Mehr als eine halbe Million Infektionsfälle

2011 wurden in Deutschland etwa 560.000 Menschen wegen einer Infektionskrankheit stationär behandelt. Und die Zahl der Infektionen geht nicht zurück. Laut Statistischem Bundesamt starben 2012 zehn Prozent mehr Menschen in Deutschland an infektiösen oder parasitären Krankheiten als im Jahr zuvor. Allerdings führen nicht alle Infektionskrankheiten gleich zum Berufsverbot.

Bei gefährlichen Ansteckungen wie HIV oder Hepatitis C muss allerdings damit gerechnet werden. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen schätzt das Robert Koch-Institut (RKI) für das Jahr 2013 auf etwa 3.200. Im selben Jahr lebten ungefähr 80.000 Menschen mit HIV/AIDS in Deutschland, davon waren etwa 65.000 Männer. Rund 550 Menschen starben an den Folgen dieser Erkrankung. In dieser Zeit gab es auch 4.018 Neu-Infektionen mit Hepatitis C.

Salmonellen, HIV, Masern

Was als Infektionskrankheit gilt und meldepflichtig ist, regelt in Deutschland in erster Linie das Infektionsschutzgesetz (IfSG). Zu den meldepflichtigen Infektionen zählen beispielsweise Salmonellen, Hepatitis, HIV, Tuberkulose, Masern und Röteln. Das IfSG benennt sowohl die meldepflichtigen Krankheiten (§ 6 IfSG , s.u.) als auch die meldepflichtigen Krankheitserreger (§ 7 IfSG).

Diese Infektionen und Krankheiten müssen gemeldet werden

Paragraph 6 des Infektionsschutzgesetzes nennt namentlich die Krankheiten, für die eine Meldepflicht besteht: Botulismus, Cholera, Diphtherie, humaner spongiformer Enzephalopathi (außer familiär-hereditärer Formen), akuter Virushepatitis, enteropathischem hämolytisch-urämischem Syndrom (HUS), virusbedingtem hämorrhagischen Fieber, Masern, Meningokokken-Meningitis oder –Sepsis, Milzbrand, Mumps, Pertussis, Poliomyelitis (als Verdacht gilt jede akute schlaffe Lähmung, außer wenn traumatisch bedingt), Pest, Röteln einschließlich Rötelnembryopathie, Tollwut, Typhus abdominalis/Paratyphus, Varizellen. (Link zum Gesetz).

Nicht gerade steril: Krankenhaus-Keime

Jedes Jahr infizieren sich hunderttausende Patienten in deutschen Krankenhäusern mit gefährlichen Erregern. Bis zu 15.000 Menschen wird geschätzt, sterben jährlich in Kliniken, weil sie mit Keimen in Kontakt kommen. Deshalb will Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) unter anderem die Meldepflichten beim Auftreten von besonders gefährlichen Keimen verschärfen. Außerdem sollen Risikopatienten bei einer Aufnahme im Krankenhaus zukünftig zunächst isoliert und auf riskante Erreger hin untersucht werden. Auch soll die Berichtspflicht der Krankenhäuser über ihren Hygienestandard ausgeweitet werden. Insbesondere resistente Erreger sind für die Patienten gefährlich, deren Körper geschwächt ist.

Diese Infektionen gehören aber nur in Ausnahmefällen zu der Sorte von Ansteckungen, die zu einem Berufsverbot führen können. Eine Infektion mit dem HI-Virus beispielsweise ist für Patienten im normalen Klinikalltag so gut wie nicht möglich. Darauf weist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hin: „HIV gehört zu den schwer übertragbaren Krankheitserregern. Die üblichen Hygienemaßnahmen im Haushalt, im Krankenhaus, in der Arzt- oder Zahnarztpraxis, bei der Akkupunktur […] reichen aus, um es unschädlich zu machen.“

Besondere Berufsrisiken

Anders als Patienten sind Ärzte, Mediziner und Beschäftigte im Gesundheitsbereich mit erhöhten berufsbedingten Risiken konfrontiert und müssen sehr vorsichtig sein, weil sie täglich mit Infizierten zu tun haben. Deshalb gibt es für sie auch besondere Regelungen, die dem eigenen Schutz vor Infektionen dienen. Für den Umgang mit Blut beispielsweise gibt es eigene Vorschriften. Sollten sie sich dennoch mit einem gefährlichen Erreger infizieren, sollte eine BU-Versicherung eine Infektionsklausel beinhalten, um die Versicherungsleistung im Fall des Berufsverbots sicherzustellen.

Nur jeder Zweite ist abgesichert

Die Untersuchung im Auftrag der uniVersa ergab, dass es in den letzten Monaten zwar zahlreiche Anpassungen bei der Infektionsklausel gegeben hat. So seien die Versicherungsbedingungen in zahlreichen Fällen durch die Versicherer nachgebessert worden, sodass eine Infektionsklausel für alle Berufe in die Verträge integriert worden sei. Doch gebe es noch großen Nachholbedarf. Denn in jedem zweiten Bedingungswerk fehlt die Infektionsklausel noch. Menschen, die sich gegen Berufsunfähigkeit absichern wollen und in Berufen arbeiten, in denen bei einer Infektion unter Umständen ein Berufsverbot droht, sollten die Vertragsbedingungen also gründlich in den Blick nehmen und besonders darauf achten, ob es eine Infektionsklausel gibt.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 15.10.2018 aktualisiert.
Über den Autor
Claudia Täubner
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