Krankschreibungen aufgrund seelischer Leiden nehmen zu

Zuletzt aktualisiert am 12.05.2017

Krankheitstage aufgrund seelischer Leiden nehmen zuFür den Gesundheitsatlas 2015 wurden die Daten von 4,3 Millionen beschäftigten BKK-Versicherten analysiert. Die Auswertung zeigt: rund 15 Prozent aller Krankentage sind auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Im Vergleich zu 2003 hat sich die Anzahl der Krankentage wegen seelischer Leiden mehr als verdoppelt.

Krankschreibungen wegen seelischer Leiden sind langwierig

Die Krankschreibungen wegen seelischer Leiden nehmen nicht nur zu; sie dauern auch lange – im Durchschnitt 40 Krankentage je Fall. Depressionen zählen zu den affektiven Störungen und diese machen einen Großteil der psychischen Diagnosen aus. Hier beträgt die durchschnittliche Ausfallzeit sogar 58 Tage je Fall. Allerdings könnten empirische Studien keine wesentliche Zunahme psychischer Störungen feststellen. Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes dazu: „Eine der Erklärungen hierfür ist, dass die Menschen ihr psychisches Leiden akzeptieren und Hilfen im Gesundheitswesen in Anspruch nehmen. Entsprechend häufiger werden Beschäftigte wegen sogenannter F-Diagnosen krankgeschrieben. Die heutzutage umfangreicheren Kenntnisse psychischer Krankheitsbilder bei Allgemeinmedizinern und Hausärzten tragen ebenfalls zum Anstieg der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme bei. Noch vor 10, 15 Jahren wurden Patienten mit Symptomen, die auf ein psychisches Leiden hindeuten, viel häufiger unspezifische körperliche Beschwerden attestiert.“

Prof. Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin vermutet gar eine Überdiagnostizierung: „Eine Diagnose wird häufig unspezifiziert oder bei nur leicht beeinträchtigten Personen gestellt, um überhaupt eine Unterstützung anbieten zu können. Der Trend der kontinuierlichen Zunahme von Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme könnte aber auch dazu führen, dass sich Menschen zu schnell als behandlungsbedürftig erleben und auch bei ‘normalen‘, vorübergehenden psychischen Belastungen das Hilfesystem aufsuchen.“

Diagnose „verfolgt“ Patienten

Wer einmal die Diagnose Angsterkrankung, Depression oder Persönlichkeitsstörung erhalten hat, werde von dieser Diagnose „verfolgt“, so Prof. Jacobi. Die einmal erhobenen Daten würden in den Krankenakten von Ärzten, Kliniken, Krankenkassen oder Rentenversicherungsträgern verbleiben. Das führe dazu, dass psychische Erkrankungen überschätzt würden – von einer ‘Epidemie des 21. Jahrhunderts‘ zu sprechen, hält Prof. Jacobi für “übermäßig dramatisierend”.

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Depressionen im Süden häufiger diagnostiziert

Die Analyse der BKK-Versicherten-Daten zeigt auch enorme regionale Unterschiede bei den psychischen Diagnosen. So werden in Bayern und Baden-Württemberg Depressionen häufiger diagnostiziert als im Norden oder Osten.In ländlichen Gegenden werden weniger seelische Leiden attestiert als in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München. Bei Diagnoseraten, Krankschreibungen sowie Verordnungen von Antidepressiva konnte die Detailanalyse Schwankungsbreiten bis zum 43fachen des höchsten Werts gegenüber dem niedrigsten feststellen. So lag beispielsweise der Anteil der BKK-Versicherten, die Antidepressiva verschrieben bekamen, im Kreis Straubing (Bayern) mit 11,5 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im Kreis Meißen (Sachsen) mit 4,4 Prozent.
Solche Schwankungsbreiten könnten nicht allein durch unterschiedliche Erkrankungshäufigkeiten in den Regionen erklärt werden, so die BKK. Vielmehr sei ein Zusammenhang mit Regionalindikatoren wie der Ärztedichte (Nervenarzt, Hausarzt, Psychiater, Psychotherapeut) nachweisbar.

  • Krankenstand: Prozentualer Anteil der Krankgeschriebenen je Kalendertag. Für das Jahr 2014 wird dieser wie folgt ermittelt: 17,1 Krankentage je beschäftigtes Pflichtmitglied ÷ 365 Tage x 100 = 4,68 Prozent.
  • Krankheitsfall/Falldauer: Im Jahr 2014 dauerte ein Krankheitsfall im Durchschnitt 12,9 Tage.
  • Krankengeldfall: Es handelt sich hier in der Regel um AU-Fälle mit einer Dauer von mehr als 42 Kalendertagen.

Psychische Erkrankungen in der Berufsunfähigkeitsversicherung

Zunehmend führen psychische Erkrankungen nicht nur zu Arbeitsausfällen, sondern sogar zu Berufsunfähigkeit. Das geht u.a. aus dem letzten Tätigkeitsbericht des Versicherungsombudsmannes hervor.
Besonders schwierig sei in diesem Bereich, dass oft komplexe medizinische Fragen aufgeworfen würden, die nur selten ohne Sachverständigen geklärt werden können.


Zwar bieten solche befristeten Anerkenntnisse die Möglichkeit, bei unklarer Entscheidungslage schneller Leistungen aus der Berufsunfähigkeitsversicherung zu erhalten und finanzielle Engpässe so überbrücken zu können. Doch nach Ablauf der Frist muss die Berufsunfähigkeit erneut nachgewiesen werden.

Im Streitfall müssen gesundheitliche Zustände über einen länger zurückliegenden Zeitraum rekonstruiert werden. Experten rechnen damit, dass sich wegen der langen Feststellungszeiträume bei psychischen Erkrankungen, Versicherungsbedingungen stärker durchsetzen, die eine sogenannte befristete Anerkenntnis bieten. Nur ein qualifizierter Vergleich, der auf Ihre individuelle Situation angepasst ist, kann Klarheit darüber verschaffen, welche Vertragsvarianten zu Ihrem Leben passen. Die zahlreichen Tests zu Berufsunfähigkeitsversicherungen können Ihnen jedoch eine erste Übersicht bieten.