Handwerk: Mit freien demokratischen Kammern bessere Bedingungen erwirken?

Zuletzt aktualisiert am 08.05.2019

Handwerk: Mit demokratischeren Kammern bessere Bedingungen erwirken?2017 ist das Handwerk in Deutschland so stark gewachsen wie in 25 Jahren nicht mehr. Nachwuchs und Fachkräfte müssen daher noch stärker umworben werden. Doch von den politischen Aspekten des Handwerks wird in den Anwerbekampagnen nicht gesprochen. Dabei könnte mehr politische Teilhabe in den Handwerkskammern das Interesse junger Menschen an Handwerksberufen steigern helfen. Eine aktivere Vertretung der eigenen Interessen könnte auch der Prävention von Berufsunfähigkeit zugutekommen.

Handwerk in Deutschland: 2017 stärkster Jahresauftakt überhaupt

Im vergangenen Monat hatte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) Grund zu großer Freude. ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke konnte den besten Jahresauftakt für das deutsche Handwerk seit der deutschen Einheit bekanntgeben. Dahinter stecke laut ZDH ein deutlicher Anstieg der Investitionen deutscher Handwerksunternehmen. In den 25 Jahren, die der ZDH nun schon über die Konjunkturentwicklung berichtet, habe man noch nicht so gute Zahlen vermelden können.

In der dazugehörigen Meldung des ZDH heißt es: „Besonders in Branchen wie Bau und Ausbau bestehen weiter hohe Auftragsbestände…Die Gründe für die positive Entwicklung sind vielfältig. Für Bau und Ausbau sind es die hohe Nachfrage nach Wohnraum in den Ballungsgebieten und die steigenden Infrastrukturinvestitionen der öffentlichen Hand. Immer noch niedrige Kreditzinsen spielen eine wichtige Rolle. Für die Handwerke des gewerblichen Bedarfs gibt die wieder angestiegene Exportkonjunktur den Ausschlag. Und alle Bereiche profitieren davon, dass Deutschland einen Beschäftigungsrekord meldet und Löhne und Gehälter real zulegen.“ (Beitrag des ZDH vom 10.05.2017)

Wachstumsprognose des ZDH für 2017

Für den Rest des Jahres 2017 rechnet der ZDH mit einem Zuwachs der Umsätze im Handwerk um bis zu 3 Prozent. Trotz beklagtem Mangel an Nachwuchs und an Fachkräften soll die Zahl der Beschäftigten im Handwerkswesen weiter ansteigen. Im Vergleich zur Gesamtwirtschaft würde dann das Handwerk deutlich stärker wachsen.

Machen geht vor Politik

Das organisierte Handwerk in Deutschland ist seit Jahren schon darum bemüht, ausreichend Nachwuchs zu gewinnen. Junge Menschen für die Berufswahl vom Handwerk zu überzeugen ist kritisch dafür, dass auch außerhalb des Baugewerbes das Handwerkswesen wieder größeres Wachstum verzeichnen kann. (Berufsunfähigkeitsversicherung für Handwerker)

Und so richten sich die Bemühungen der Handwerkskammern hauptsächlich an die nächsten Generationen. Mit modernen Werbekampagnen werden die verschiedenste Handwerksberufe vorgestellt. Was dabei oft in den Hintergrund rückt, ist die politische Struktur des Handwerks in Deutschland.

Zu geringe Beteiligung: garantierte Mandate in den Vollversammlungen

Nach abgeschlossener Ausbildung und bestandener Prüfung übernehmen die Nachwuchshandwerkerinnen und -handwerker entweder einen bestehenden Betrieb oder eröffnen ihren eigenen. In beiden Fällen müssen sie zwangsläufig Mitglied ihrer lokalen Handwerkskammer werden. Welche Probleme das Kammerwesen seit längerem plagen, darauf bereiten die teils sehr bunten Werbekampagnen den Nachwuchs allerdings nicht vor.

Schließlich kämpfen die Handwerkskammern mit demselben Problem wie auch die Sozialversicherungen: Die Partizipation bei den regelmäßigen internen Wahlen liegt deutlich unter 30 Prozent. Diese Entwicklung ist bereits so weit fortgeschritten, dass von Wahlen im eigentlichen Sinne keine Rede mehr sein kann. Sogenannte Friedenswahlen sehen stattdessen automatisch jeden aufgestellten Kandidaten bestätigt, weil für jeden auch ein Mandat frei ist. Die als demokratische Vertretung gedachten Versammlungen sind mehr und mehr zum Selbstläufer geworden.

Das politische Handwerk

In ganz Deutschland haben sich Menschen in Vereinen und zu Initiativen zusammengefunden, um das Kammerwesen zu reformieren. Zum einen durch politische Arbeit von außen und zum anderen als Mandatsträger in den Vollversammlungen. Sie streiten für nicht weniger als Freiheit der Mitgliedschaft und Demokratie in den Interessenvertretungen (IHK und Handelskammern).

Allen voran arbeitet der Bundesverband für freie Kammern e. V. (BffK) seit 1996 an der grundlegenden Reform der Kammern. Den engagierten Handwerkern und Unternehmen geht es nicht nur um das Geld, was sie Jahr für Jahr ihrer Kammer gezwungenermaßen in Form von Beiträgen zahlen müssen. Es geht den diversen Vereinigungen und Aktivisten um mehr Transparenz und bessere Mitbestimmung in den zahlreichen Kammern.

Nähere Informationen über den BffK finden sich unter www.bffk.de.

Freiheit und Demokratie: Reformbewegung im deutschen Kammersystem

Die sogenannten „Kammerkritiker“ verfolgen gleich zwei wesentliche Prinzipien der Freiheit. Erstens engagieren sie sich im Sinne der negativen Freiheit für die Abwesenheit des Kammerzwangs. Zweitens fordern sie die positive Freiheit der politischen Teilhabe und Transparenz für alle Kammermitglieder ein. Somit stehen die Kammerreformer in einer freiheitlich-bürgerlichen Tradition.

Verbandsklagen des BffK gegen einzelne Kammern

Stellvertretend für viele „Kammerkritiker“ reicht der BffK auch mal eine Beschwerde bei der EU-Kommission oder eine Klage beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ein. Vor allem wird an sämtliche Kammermitglieder appelliert, sich mehr zu engagieren und von ihren Möglichkeiten des Einmischens Gebrauch zu machen.

Ein Anfang wäre damit getan, wenn die kommenden Generationen nicht nur generell das Handwerk für sich wiederentdecken. Zusätzlich sollten sie ihr politisches Interesse und Engagement auch in die Handwerkskammern tragen. Und vielleicht können die Jungen damit auch die Alten anstecken und so insgesamt für mehr Teilnahme am politischen Aspekt des Handwerks sorgen. Vielleicht bleiben dann in Zukunft rechtswidrige Vermögensbildungen, zu denen es seit kurzem sogar ein Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichtes gibt, aus. („Unter Geiern – die Beitragserhebung der IHK Pfalz“, BffK vom 02.06.2017)

Berufsunfähigkeit besser entgegenwirken?

Vor diesem Hintergrund könnte sich der aktive Einsatz in seiner Kammer für jeden Handwerker auch aus einem anderen Grund lohnen. Als Interessenvertretung aller Handwerksbetriebe können die Handwerkskammern für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Qualitätsstandards und eine bessere Versorgung im Alter stark machen. Das hätten den positiven Nebeneffekt, dass die Häufigkeit von Berufsunfähigkeit zurück geht.

Das Handwerk ist der Bereich in unserer Wirtschaft, der von einem sinkenden Risiko für Berufsunfähigkeit am meisten profitiert. Schließlich haben es Handwerksberufe am schwersten, eine bezahlbare Berufsunfähigkeitsversicherung zu finden. Den Versicherern ist das Risiko noch immer zu hoch, als dass sie im Handwerk tätigen Menschen ähnlich gute Konditionen bieten können, wie sie andere Berufe bekommen.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 08.05.2019 aktualisiert.
Über den Autor
Claudia Täubner
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