Expertin: “Flexible Arbeitszeitmodelle reduzieren nachweislich Krankheitstage!”

Zuletzt aktualisiert am 07.09.2018
Interviewpartnerin Sarah Pierenkemper

Interviewpartnerin Sarah Pierenkemper, © IW Meiden/2017

Die Arbeitswelt wird immer anspruchsvoller – nicht nur für Arbeitnehmer: Unternehmen suchen zunehmend nach flexiblen Arbeitszeitmodellen, um gerade für begehrte Fachkräfte attraktiv zu bleiben.

Sarah Pierenkemper, Expertin für flexible Arbeitszeitmodelle vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) in Köln, erklärt im Interview, wie sehr Unternehmen profitieren, wenn sie ihren Mitarbeitern bei der Strukturierung ihres Arbeitsalltags entgegenkommen.

 

BU-heute: Die Zahl der Unternehmen, die Arbeitszeitkonten nutzen, nimmt seit einigen Jahren zu. Welche Erkenntnisse gibt es bereits darüber, wie sich solche Arbeitszeitmodelle auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter auswirken?

Sarah Pierenkemper: Das Angebot von flexiblen Arbeitszeitmodellen wird für Arbeitnehmer immer relevanter. So zeigen Absolventenbefragungen, dass das Angebot einer flexiblen Arbeitszeitgestaltung bei der Jobwahl mittlerweile für viele Arbeitnehmer sogar wichtiger als Gehalt und Karrieremöglichkeiten ist.
Die Gründe hierfür sind vielfältig. Flexible Arbeitszeiten erhöhen die Eigenverantwortung der Mitarbeiter, was sich wiederum positiv auf ihre Motivation auswirkt. Außerdem bieten flexible Arbeitszeitmodelle oftmals eine bessere Anpassung an individuelle Lebensphasen. Besonders Beschäftigte mit Familien schätzen eine erhöhte Flexibilität, da sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wesentlich erleichtern können. Aber auch für Mitarbeiter mit Weiterbildungsambitionen können flexible Arbeitszeiten durch die gestiegene Zeitsouveränität zu einer höheren Zufriedenheit führen, indem sich Weiterbildungen leichter und ohne kompletten Gehaltsverzicht realisieren lassen.

BU-heute: Psychische Krankheiten, wie beispielsweise Burnout-Erkrankungen, treten immer häufiger auf. Auch Fach- und Führungskräfte mit hoher Verantwortung und langen Arbeitszeiten sind davon betroffen. Inwiefern können flexible Arbeitszeitmodelle dieser Entwicklung entgegenwirken und damit auch ein Mittel sein, um ein vorzeitiges krankheitsbedingtes Ausscheiden aus dem Berufsleben zu verhindern?

Pierenkemper: Flexible Arbeitszeitmodelle reduzieren nachweislich Krankheitstage und die Fluktuation im Unternehmen. Entscheidend hierbei ist aber, dass die Modelle mit den Mitarbeitern abgestimmt und passgenau sind. Nicht jeder Mitarbeiter hat die gleichen Bedürfnisse. Zudem ermöglichen flexible Arbeitszeitmodelle denjenigen, die nicht mehr in Vollzeit arbeiten können oder wollen, aus welchen Gründen auch immer, die Aufrechterhaltung ihrer Beschäftigung. Arbeitnehmer können also länger dem Arbeitsleben erhalten bleiben. Auch verantwortungsvolle Aufgaben und Führungsverantwortung können im Rahmen eines Jobsharings in Teilzeit erfüllt werden. Jobsharing ist eine spezielle Form der Teilzeitarbeit, bei der sich mindestens zwei Arbeitnehmer eine Arbeitsstelle teilen.

Nicht zu verschweigen ist, dass flexible Arbeitszeitmodelle auch einige Gefahren mit sich bringen können. Eine höhere Flexibilität bedeutet auch eine höhere
Verantwortung für die eigenen Arbeitsergebnisse. Die Gefahr der „Always-on-Mentalität“, also der fehlenden Trennung zwischen Berufs- und Privatleben nimmt zu.
Hier ist das Einplanen von bewussten Ruhephasen entscheidend. Auch können z.B. Kurzzeitauszeiten (Sabbaticals) einen Beitrag zur langfristigen Aufrechterhaltung der
Arbeitsfähigkeit beitragen.

BU-heute: Nutzen Sie bei Ihrem Arbeitgeber ein Modell der flexiblen Arbeitsgestaltung?

Pierenkemper: Unser Haus bietet eine Vielzahl unterschiedlicher flexibler Arbeitszeitmodelle, die individuell auf die Mitarbeiter und die jeweilige Tätigkeit abgestimmt werden.

Generell herrscht bei uns eine Vertrauensarbeitszeit. Das heißt, dass eine formale Zeiterfassung wie auch Anwesenheitskontrollen entfallen. Ausschlaggebend sind vielmehr die Erfüllung von Aufgaben und das Erreichen von vereinbarten Zielen. Gerade wenn es am Abend durch Vorträge oder andere Veranstaltungen mal später geworden ist, genieße ich es sehr den nächsten Morgen in aller Ruhe zu starten oder erst einmal eine Runde laufen zu gehen, bevor es ins Büro geht. Außerdem kann ich einen bestimmten vereinbarten Prozentsatz meiner Arbeit ortsunabhängig entrichten. Insbesondere wenn es um sehr konzentriertes und konzeptionelles Arbeiten geht, erledige ich dies gut und gerne im Homeoffice.

Zukünftig plane ich zudem eine Kurzzeitauszeit, die ich auf einer Almhütte in Südtirol verbringen werde, um meine Batterien mal wieder richtig aufzuladen.

BU-heute: Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person und zum KOFA

Sarah Pierenkemper arbeitet als Economist für Fachkräftesicherung am Institut der Deutschen Wirtschaft und betreut im Rahmen ihrer Tätigkeit das Projekt Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen bei den Themen Fachkräfte, Integration und Zuwanderung.

Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (kurz KOFA) widmet sich seit 2011 der Frage: Wie finden Unternehmen Fachkräfte und können diese langfristig an sich binden? Dabei unterstützt das KOFA kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bei der Fachkräftesicherung und der erfolgreichen Gestaltung ihrer Personalarbeit. Es wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert und vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln koordiniert. Alle Unterstützungsangebote finden Sie auf www.kofa.de.

Die gängigsten Arbeitszeitmodelle im Überblick

Teilzeitarbeit

Bei der Teilzeitarbeit ist die individuelle Arbeitszeit kürzer als die im Betrieb übliche Regelarbeitszeit. Wie die Teilzeitarbeit im Einzelfall organisiert wird, lässt sich relativ flexibel festlegen. Dabei muss man nicht das klassische Halbtagsmodell wählen. Auch Arbeitsblöcke, z. B. eine Woche voll arbeiten – eine Woche frei, sind möglich.

Gleitzeit

Die Gleitzeit beinhaltet immer auch eine so genannte Kernarbeitszeit, innerhalb derer Anwesenheitspflicht besteht. Das Gleitzeitmodell dürfte die am weitesten verbreitete Flexibilisierung der Arbeitszeit sein. Unternehmen, die mit Gleitzeit arbeiten, nutzen meist Arbeitszeitkonten, um nicht den Überblick über geleistete Arbeitsstunden zu verlieren.

Arbeitszeitkonten

Auf Grundlage der vertraglich vereinbarten Wochenarbeitszeit wird die Stundenzahl ermittelt, die die Angestellten innerhalb eines bestimmten Zeitraumes leisten müssen. Der Zeitraum kann dabei variieren. Solche Arbeitszeitkonten können beispielsweise für Unternehmen interessant sein, deren Arbeitsauslastung saisonalen Schwankungen unterworfen ist. So erhalten die Mitarbeiter eine festes Gehalt, unabhängig von der tatsächlich geleisteten Wochenarbeitszeit. Für die Unternehmen ist dieses Modell wirtschaftlich sinnvoll, da sie keine Überstunden bezahlen müssen.

Drei verschiedene Varianten der Arbeitszeitkontenmodells

Die Extremform: Das Lebensarbeitszeitkonto

Auf den so genannten Lebensarbeitszeitkonten werden Überstunden über die gesamte Dauer der Beschäftigung angesammelt. Ein solches Konto macht jedoch meist nur Sinn, wenn der Beschäftigte tatsächlich bis zum Rentenalter im Unternehmen bleibt. Die gesammelten Stunden können beispielsweise genutzt werden, um vorzeitig ohne Einkommensverlust in Rente zu gehen oder die Arbeitszeit zu reduzieren.

Hohe Flexibilität: Die Jahresarbeitszeit

Bei diesem Modell zählt nur, dass der Mitarbeiter im Verlauf eines Jahres auf die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit kommt. Das heißt, der Arbeitgeber verzichtet auf eine feste Wochenarbeitszeit. Das monatliche Gehalt ist dabei konstant.

Auszeit vom Arbeitsalltag: Das Sabbatical

Sabbaticals gewinnen zunehmend an Beliebtheit. Dabei handelt es sich um eine Auszeit, deren Dauer zwischen Mitarbeiter und Arbeitgeber vereinbart wird und meist zwischen einigen Wochen und einem Jahr liegt. Ob der Mitarbeiter Überstunden „abbummelt“ oder auf einen Teil des Lohns verzichtet, wird individuell geklärt. In jedem Fall bleibt das Arbeitsverhältnis während des Sabbaticals bestehen.

Maximale Unabhängigkeit: Die Vertrauensarbeitszeit

Bei der Vertrauensarbeitszeit bildet die vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit die Basis. Wichtiger ist jedoch, dass vereinbarte Ziele erreicht und Projekte abgeschlossen werden. Der Arbeitgeber verzichtet auf Zeiterfassung und Anwesenheitskontrolle.

Jobsharing

Beim Jobsharing wird ein Arbeitsplatz auf mehrere Arbeitnehmer aufgeteilt. Ziel ist es, auch Teilzeitkräften die Möglichkeit zu geben, an großen Projekten mitzuarbeiten. Arbeitsaufteilung und Anwesenheiten können unter Einhaltung des gesetzlichen Rahmens individuell organisiert werden.

Telearbeit

Telearbeit meint ein Arbeiten außerhalb des Gebäudes des Arbeitgebers. Im Spezialfall “Homeoffice” wird diese Arbeit von zuhause aus verrichtet. Meist sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer über digitale Kanäle miteinander verbunden, sodass die Arbeitsergebnisse schnell übermittelt und vom Arbeitgeber nachvollzogen werden können. Häufig gibt es einen Wechsel zwischen Telearbeits- und Präsenzzeiten, in denen der Mitarbeiter im Unternehmen vor Ort ist.

Arbeitszeitmodelle – Das Für und Wider

Alle vorgestellten Modelle haben ihre Vor- und Nachteile. Die meisten erfordern beiderseitiges Vertrauen und ein hohes Maß an Selbstorganisation von seiten des Arbeitnehmers. Richtig eingesetzt bergen Sie jedoch die Chance, die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu erhöhen und die Effizienz zu steigern. Denn zufriedene und ausgeruhte Angestellte sind weniger anfällig für Krankheiten und allgemein konzentrierter.

Schützen flexible Arbeitszeitmodelle vor Berufsunfähigkeit? Ein Fazit

Flexible Arbeitszeitmodelle bergen neben zahlreichen Vorteilen auch gewisse Gefahren. Wichtig ist, dass die gewonnene Flexibilität nicht dazu führt, dass die Mitarbeiter unter den Druck geraten, immer erreichbar zu sein. Hier sind vor allem die Arbeitgeber in der Pflicht. Aber auch die Arbeitnehmer selbst sollten darauf achten Arbeits- und Erholzeiten nicht zu vermischen. Werden flexible Arbeitszeitmodelle richtig eingesetzt und auf die individuellen Ansprüche von Arbeitszielen und die Mitarbeiter abgestimmt, wirken sie sich nachweislich positiv auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter und damit auch auf die Arbeitsleistung aus. Das Mehr an Selbstbestimmtheit wird nahezu durchweg als positiv empfunden.

Wahrscheinlichkeit einer Berufsunfähigkeit nimmt ab

Erfahrungen zeigen, dass sich die Krankheitsausfälle reduzieren. Mit einer größeren Zufriedenheit steigt die Belastbarkeit. Damit einher geht ein deutlich niedrigeres Risiko, zu erkranken. Flexible Arbeitszeiten können dazu führen, dass selbst die Gefahr einer Berufsunfähigkeit sinkt. Dies gilt ganz besonders, wenn es um psychische Erkrankungen geht. Die Zahlen belegen, dass psychische Erkrankungen inzwischen zu den Hauptursachen von Berufsunfähigkeit zählen.

Dieser Artikel wurde zuletzt am 07.09.2018 aktualisiert.
Über den Autor
Claudia Täubner
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