Berufsunfähigkeit durch Internetsucht: Die Schattenseite der Digitalisierung

Internetsucht BerufsunfähigkeitDer digitale Wandel der letzten Jahrzehnte hat nicht nur die Kommunikation revolutioniert, sondern geht auch mit neuen Chancen und Risiken in der Arbeitswelt einher. Ohne Computer und das Internet kommt in der heutigen Zeit beinahe kein Unternehmen mehr aus und Begriffe wie Cloud Working und E-Commerce sind längst keine Fremdwörter mehr.

Doch der digitale Wandel bringt auch ungeahnte Risiken mit sich. Dazu gehört die drastische Zahl der Fälle von Internetsucht, die im Ernstfall sogar zur Berufsunfähigkeit führen kann.

Internetsucht ohne Anerkennung in Deutschland

In Deutschland ist das noch recht junge Krankheitsbild der Internetabhängigkeit bzw. der Internetsucht bislang weder als Sucht, noch als psychische Störung anerkannt. Suchtforscher beschäftigen sich zunehmend mit der Thematik, jedoch fehlen bislang noch ausreichend valide Forschungsergebnisse. In Deutschland werden psychatrische Diagnosen anhand der Kriterien der Weltgesundheitsorganisation gestellt, bei der die Erkrankung derzeit noch keine Anerkennung finden konnte. Unter der Sucht wird im Allgemeinen das Phänomen verstanden, das Internet in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß zu nutzen.

Drei Kernbereiche der Internetabhängigkeit

Prinzipiell unterscheidet man zwischen drei Bereichen, in denen es zu einer pathologischen Internetnutzung kommen kann:

  • Computer- /Onlinespiele
  • Kommunikation z.B. Chatten, E-Mails, Internetforen
  • Cybersex

Ein weiteres Arbeitsfeld sind Verhaltensstörungen, die auf die Abhängigkeit zurückzuführen sind.

Häufig gehen Verhaltensstörungen mit der Internetsucht einher, wie zum Beispiel die Vernachlässigung von sozialen Kontakten sowie der Einstellung von gängigen Lebensgewohnheiten. Betroffene verbringen einen Großteil ihrer Zeit im Internet und ersetzen die reale mit der virtuellen Welt, was zu sozialer Isolation führen kann. Vor allem Einzelgänger und depressive Menschen sind gefährdet für die Internetsucht und flüchten aus der Realität. Typische Entzugserscheinungen sind zum Beispiel schlechte Laune, übermäßige Nervosität und Schlafstörungen.

Internetfreie Zeit

Rechtzeitige Vorbeugung kann eine Internetsucht verhindern. Experten raten daher dazu, mindestens einmal in der Woche einen internet- und computerfreien Tag einzulegen und andere Interessen und Hobbys zu fördern. Insbesondere Kinder und Jugendliche finden dadurch eine Selbstbestätigung abseits des Computers.

Besonders große Gefahr für Jugendliche

Etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung nutzt das Internet in einem exzessiven Umfang, der einen suchtartigen Charakter hat. Am meisten betroffen sind dabei Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren, da sie das Netz am aktivsten nutzen. Etwa vier Prozent der Altersgruppe leiden unter einem Kontrollverlust ihrer Internetaktivität, wie eine Studie, die im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit durchgeführt wurde, zeigt.

Verstärkt wird die Problematik durch den ständigen Zugang zu internetfähigen Handys, wodurch das WWW immer und überall erreichbar ist. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche, wenn es um Online- und Computerspiele geht. Das Resultat der Spielsucht sind „durchgezockte“ Nächte und eine mangelnde Konzentration in der Schule.

Veränderte Hirnaktivität bei Onlinespielen

Studien belegen, dass es während des Spielens zu einer erhöhten Aktivität des Suchtgedächtnisses kommt. Der Hirnbotenstoff Dopamin, der für das Belohnungssystem verantwortlich ist, wird dabei verstärkt ausgeschüttet, ähnlich wie bei der Einnahme von Drogen. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass das Gehirn, anders als bei stofflichen Drogen, nicht durch eine Substanz stimuliert wird, sondern durch optische und akustische Reize, so Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ).

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Auch Unternehmen sind betroffen

Der übermäßige Konsum des Internets betrifft auch die Arbeitswelt und Unternehmen weltweit. Die Anzahl an Mitarbeitern und Auszubildenden, deren Leistungsfähigkeit aufgrund des exzessiven Internetkonsums deutlich nachlässt, steigt stetig an, wobei auch erfolgreiche Manager betroffen sind. Vor allem Geschäftsleute bemühen sich um eine positive Selbstdarstellung in Foren wie LinkedIn und die Ablenkung durch Twitter-Tweets und Facebook-Posts ist allgegenwärtig. Durch den ständigen Aufenthalt in der virtuellen Welt, verlieren Mitarbeiter auch ihre Achtsamkeit und Auffassungsgabe im Umgang mit Mitmenschen, so zum Beispiel auch in Kundengesprächen.

Der Buchautor und Psychotherapeut Bert te Wildt sieht ein weiteres Problem in der ständigen Erreichbarkeit, die im Job verlangt wird und für Professionalität steht. E-Mails, Chatanfragen und Kommentare auf den Internetseiten sollen umgehend beantwortet werden, was zu fehlenden Erholungszeiten führt.

Hier gilt ein erhebliches Suchtpotential

  • Portale sozialer Medien (z. B. Facebook)
  • Sportspiele, kombiniert mit Geldwetten
  • Online-Spiele (z. B. World of Warcraft, MineCraft und League of Legends)

Berufsunfähigkeit als Folge der Internetsucht

Sollte die Internetabhängigkeit tatsächlich als Krankheit anerkannt werden, so könnte sie schon bald zum Alltag von Versicherern im Zusammenhang mit der Berufsunfähigkeitsversicherung gehören. Da der Computer und das Internet im Berufsalltag nur schwer zu umgehen sind, wäre es durchaus denkbar, die Onlinesucht als Grund für eine Berufsunfähigkeit zu betrachten und sie somit als Ursache für den Verlust der Arbeitskraft anzuerkennen. Anders könnte es hingegen bei handwerklichen Berufen aussehen, in denen die Computer- und Internetnutzung keine übergeordnete Rolle spielt. Hier geht es zum Vergleich der Berufsunfähigkeitsversicherungen.

Erschwerte Behandlung durch digitalen Alltag

Während bei Alkohol- und Zigarettenabhängigkeit die Abstinenz als Weg zur Heilung gilt, ist es im Falle einer Internetabhängigkeit heutzutage beinahe unmöglich abstinent zu leben, was die Behandlung Internetsüchtiger erschwert. Wie bereits erwähnt, gehört der PC zu den gängisten Arbeitsmitteln und auch die Gestaltung des Privatlebens findet zumeist mit Hilfe des Smartphones, Tablets oder Laptops statt. Umso wichtiger ist daher die frühzeitige Prävention durch Aufklärung und die Vermittlung einer frühen Medienkompetenz bereits im Kindesalter.